Mit Christo auf dem Wasser laufen

The Wrapped Swings

Als ich fünf war, haben Christo und Jeanne Claude den Reichstag in Berlin verhüllt. Meine Eltern sind hingefahren und haben mich nicht mitgenommen. Aus Prostest habe ich zwei Sachen gemacht: erstens sofort meine Schaukel verhüllt, um zu beweisen, dass ich würdig gewesen wäre mitzukommen. Zweitens bin ich 20 Jahre später ohne die beiden zu den Floating Piers an den Lago d’Iseo gefahren. Ha!

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Warteschlange in Brescia

Seit ich von dem Projekt gehört habe, war ich hibbelig. Natürlich musste ich deshalb am Eröffnungstag hinfahren – eine wunderbare Idee, die sonst niemand außer mir hat. Schon ab Mailand sitzen im Zug um uns herum aufgeregte Reisende, die über die Weiterfahrt von Brescia sprechen. Dabei kann man die Schlange zum Zug nach Sulzano gar nicht verpassen. Jede halbe Stunde fährt ein Sonderzug, eine Band aus Blechbläsern spielt und wir nutzen die Wartezeit ein Panino zu essen. Sulzano, das Städtchen in dem die Installation beginnt, ist nur mit einem Gleis angebunden und damit dem Andrang nicht gewachsen. Aber überall stehen Zuständige und reichen Informationen, geben Anweisungen und lenken den Strom in die richtige Richtung.

Angekommen in Sulzano geht das Anstehen weiter, aber dafür beginnt auch der orangegoldene Stoff, auf dem man sich zumindest künstlerisch wertvoll wartet. Sonnencreme nicht vergessen, man wartet in der Sonne. Wasser und belegte Brötchen werden aber am Rand der Schlange verkauft. Wenn man richtig früh kommt oder gegen Abend kommt, ist der Andrang kleiner.

Und dann endlich, die letzte Ecke und von der Uferkante aus geht die Pontonbrücke ab. Ich ziehe die Schuhe aus. Der Stoff ist weich, ganz leicht spürt man die Bewegungen des Wassers. Wenn ein Motorboot vorbeifährt schwankt es mehr aber der Pier ist mit seinen 16 Metern so breit, dass man sich nicht unsicher fühlt. Der Stoff, mit dem die Pontons bezogen sind, strahlt organgefarben und gold und ich strahle zurück. Die Installation ist viel größer als ich sie mir vorgestellt habe. Und noch schöner. Ein frischer Wind weht und wir beginnen den Spaziergang. IMG_1863Angekommen auf Monte Isola findet man sich in der italienischen Idylle wieder. Restaurants, eine Bäckerei, kleine Geschäfte gehen zur Promenade raus, die auch mit dem strahlenden Stoff bespannt ist. Besteigt man den namensgebenden Berg, hat man einen bezaubernden Blick auf die Verbindung zum Festland und außerdem gibt es kaltes Bier.IMG_1878

Von Monte Isola aus gehen zwei „Brücken“ zur kleinen San Paolo Insel, die der Eigentümer, der Waffenhersteller Beretta, Christo zu Verfügung gestellt hat. Mit dem Wetter und der Tageszeit verändert sich die Farbe des Stoffs, das Wolkenlicht lässt ihn silbrig schimmern.

Als am Abend ein Gewitter aufzieht, werden die Pontons schnell geräumt und die Besucherinnen und Beucher zurück zu Fähre und Zug geschoben. Ich bin sonnenverbrannt, habe Hunger und meine Beine sind müde. Aber in meiner Hand habe ich ein kleines Stoffstückchen, dass mir einer der Aufpasser geschenkt hat und ich lächle auch noch, als ich beim Einsteigen in den Zug im Getümmel aus dem Zug geschubst werde. Die Masse schiebt mich ohnehin zurück und außerdem bin ich gerade auf Wasser gelaufen.

 

Praktische Informationen

Der Eintritt ist frei, die Installation ist ganztägig geöffnet vom 18. Juni bis zum 3. Juli  2016. Danach wird abgebaut.

Anfahrt: mit dem Zug oder Busshuttle aus Brescia, mit dem Auto oder Fahrrad bis zu einem der designierten Parkplätze.

Ein Kommentar bei „Mit Christo auf dem Wasser laufen“

  1. Hi,
    ja, da würde ich auch noch gerne hin. Schaffe ich aber nicht…
    Hier gibt es noch mehr schöne Bilder davon:
    http://www.thefloatingpiers.com/completed
    Markusi

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